Das Miteinander der Bäume

Neben der Bildhauerei habe ich eine weitere Passion - Wald und Bäume. Genauso passioniert setze ich mich aber auch kritisch mit unserem Wirken auf diesem Planeten auseinander. Beides möchte ich hier in Bild und Text präsentieren. 
In meiner Sammlung von Baumfotografien finden sich zahlreiche Beispiele dafür, wie Bäume sehr eindrücklich sichtbare Verbindungen mit anderen Bäumen, im Stamm-, Ast- und Kronenbereich häufig auch mit sich selbst, eingehen und dabei ein Miteinander pflegen, das mich immer wieder aufs Neue beeindruckt und begeistert. Die sich gleich anschließende Auswahl aus diesen Bildern macht hoffentlich verständlich, warum die Bäume als Einzelwesen und der Wald in seiner Gesamtheit diese Faszination auf mich auslösen – und warum ich glaube, dass wir von den Bäumen in der aktuellen Krisenzeit doch Einiges lernen könnten. Dazu stelle ich weiter unten, im Anschluss an die Bilder, in einem Text meine Gedanken dar: 
Bäume, Menschen und der Zustand der Welt

Bäume, Menschen und der Zustand der Welt

Bäume übten schon immer eine große Faszination auf mich aus. Sie waren im Garten meiner Kindheit in Form von Obstbäumen und Kastanien präsent, sie waren mächtig, ohne Macht auszuüben. Ich vertraute ihnen, wenn ich unter ihnen stand, wenn ich ihre Borke und darunter das massive Holz spürte. Ich vertraute ihnen, wenn ich hinaufgeklettert bin, ich fühlte mich geborgen, hatte Lieblingsplätze in der ein oder anderen Krone wie der des großen Birnbaums, wo ich über den Dingen schwebte, nicht selten Zuflucht suchte und auch fand.


Der Wald meiner Kindheit und Jugend war der „Heerener Wald“, etwa ein Kilometer Feldflur lag zwischen ihm und Haus, Hof und Garten, bald war diese Distanz für mich kein Hindernis mehr, erst häufig in Begleitung der Schäferhündin Fee, dann später mit dem Schäferhund-Collie-Mischling Ari. Im Wald mit seinen verborgenen Schätzen und beeindruckenden Exemplaren von Buchen, Eschen und Eichen verbrachte ich so viel Zeit wie nur irgendwie möglich, ich wurde vertraut mit dem Wald, es war „mein“ Wald, ich kannte jeden Weg, jeden Pfad, jeden Wasserlauf und etliche geheime Plätze, wusste bald auch, wo welche Pilze wuchsen, wo die Füchse wohnten und wo ich die Rehe beobachten konnte. 


Mein Radius vergrößerte sich natürlich mit der Zeit, ich habe viele andere Wälder kennen, achten und lieben gelernt. So unterschiedlich die Landschaftsformen sein mögen, in denen sich diese Wälder entwickeln konnten, sie haben eine ganz zentrale Gemeinsamkeit: es finden sich in ihnen Bäume, die mich in ihrer Individualität begeistern, auch wenn es leider immer schwerer wird, noch wirklich alte, stolze Bäume zu finden, die sich ihre Individualität bewahren konnten, ihre Geschichte erzählen – und nicht unserem Lebensstil und der damit verbundenen Holznutzung zum Opfer gefallen sind. Wenn ich in Wäldern unterwegs bin, stoße ich neben eindrucksvollen alten Bäumen auch immer auf jüngere Exemplare, die ungewöhnliche Eigenschaften haben, den größten Teil ihres Lebens und der Ausprägung der Eigenschaften und Besonderheiten noch vor sich haben, wenn man sie denn lässt.


Sich umschlingende Bäume; Bäume, die sich miteinander verbinden; Bäume, die einen Ast eines anderen Baumes zu greifen scheinen; Wurzeln zweier Bäume, die miteinander verwachsen – die Vielfalt des Miteinanders ist groß. Doch leider geben wir der Natur und mit ihr den Bäumen viel zu wenig Raum, um sich so entfalten zu können, wie es ohne die Einmischung des Menschen geschehen würde. Zu sehr steht der Wert des Waldes, des Baumes im vordergründigen Fokus der Ausrichtung unserer konsumorientierten Gesellschaft. 


Außer Acht bleibt bei dieser Struktur der Forstwirtschaft zu oft der nur langfristig wirkende, nicht an wirtschaftlichen Ordnungsprinzipien orientierte und damit schwerer zu erkennende und finanziell zu bewertende Wert der Bäume im Einzelnen und des Waldes in seiner Gesamtheit. Das Ökosystem Wald kann seine für das Leben auf unserem Planeten so elementare Wirkung nur entfalten, wenn wir ihm Raum, Zeit und Schutz gewähren. Was es an staunenswerten Details und für das Gleichgewicht unseres gesamten Planeten so wichtigen Zusammenhängen im Wald gibt, wird immer mehr reduziert auf so genannte, meist sehr kleine Naturwaldzellen, auf begrenzte und bedrängte Naturschutzgebiete, auf Nationalparks. Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde – diese Flächen und Gebiete sind ein guter und wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber sie reichen nicht aus! Der Wald kann auch mit ihrer Hilfe immer weniger die für uns so existenzielle Funktion des Sauerstoffproduzenten wahrnehmen, seine Fähigkeit, Wasser zu speichern, wird immer weiter reduziert, er ist immer weniger in der Lage, der Luft Schadstoffe zu entziehen, CO2 zu speichern und so das kleinräumige wie auch das globale Klima positiv zu beeinflussen, zu stabilisieren. 


Klar, Holz ist ein wichtiger Bau- und Rohstoff, den wir auf vielfältige Weise nutzen, Holz ist aus unserem Leben mit den Annehmlichkeiten, die es uns beschert, nicht wegzudenken. Aber kann es denn sein, dass wir deshalb kaum noch einem Baum die Chance geben, sein mögliches Alter von 3, 4 oder 500 Jahren und mehr zu erreichen? Wir haben im Rahmen des Fortschritts enorme Leistungen vollbracht, haben unsere Sinne dabei aber leider immer weiter abstumpfen lassen und so den Bezug zu dem verloren, was wir als Bestandteil der uns umgebenden Umwelt sind: Produkt und Teil des unglaublich vielfältigen Lebens auf der Erde. Diese Vielfalt ist die Grundlage unserer Existenz und genau diese Vielfalt zerstören wir mit unserem Streben nach immer mehr Komfort und Bequemlichkeit in einem sich nach wie vor  steigernden Tempo. Wer darauf hinweist, muss sich u. U. vorwerfen lassen, naiv oder gar zukunftsfeindlich zu sein. Ich finde das unglaublich und hoffe darauf, dass wir in der Lage sind, unser Verhalten im Angesicht der vielfach selbstverschuldeten und bereits laufend weltweit auftretenden Katastrophen noch konsequent zu verändern. 


Wir sind als Geschöpfe dieses Planeten und seiner unglaublichen Diversität Teil dieser Diversität und in unserer Existenz abhängig von den uns umgebenden natürlichen Systemen – diese Abhängigkeit bedeutet keineswegs ein Ausgeliefertsein, sondern ist Ausdruck unserer ausgesprochen engen Verbindung zu den uns umgebenden natürlichen Systemen. Allerdings haben wir uns in unserem Größenwahn als „Krone der Schöpfung“ immer weiter von dieser real existierenden Verbindung entfernt, wir ignorieren sie gerne, weil sie uns auf unsere natürliche und damit realistische Bedeutung verweist. Wir besitzen die Intelligenz und inzwischen auch den umfassenden Schatz an Erkenntnissen und Informationen über die globalen Zusammenhänge, wir könnten daraus zukunftsweisende Konzepte für eine angepasste Entwicklung im Einklang mit den Regeln des Planeten entwickeln. Aber wir stellen uns nach wie vor über die Schöpfung (wie auch immer Schöpfung definiert werden mag), ignorieren vielfach immer noch die von uns bislang an der Schöpfung angerichteten und in vielen Teilen bereits irreparablen Schäden und machen einfach so weiter wie bislang. Das hat durchaus mit Egoismus und Ignoranz zu tun, das aber hat auch zu tun mit Bequemlichkeit, mit der Angst vor Veränderung und (vermeintlichem) Verlust. Wirklich erschreckend ist, dass wir dabei nicht wahrhaben wollen, dass die tatsächlichen Verluste in ganz anderen Bereichen liegen: 


Wir setzen ganz massiv die Bewohnbarkeit weiter Bereiche unseres Planeten und damit die Zukunft unserer Kinder und den weiteren nachfolgenden Generationen aufs Spiel. Wir lösen neben den damit verbundenen Umweltkatastrophen darüber hinaus Migrationswellen aus, denn die Menschen in den unbewohnbar werdenden Regionen werden sich, wie es ja bereits geschieht, im Sinne des Kampfes ums Überleben auf den Weg machen müssen, um dorthin zu gelangen, wo das Überleben scheinbar noch möglich ist. Das Problem dabei ist, dass wir uns dort recht komfortabel eingerichtet haben, dass wir nicht mit geöffneten Armen auf diese Menschen warten, da auch in unseren Breiten zunehmend Mangel und Wohlstandsverlust drohen – Potenzial für ungeheure Konflikte, für Krieg, Vertreibung, Elend und Tod. Da sowohl wohlstandsverwöhnte Menschen als auch die vom Wohlstand Vergessenen in Krisensituationen schnell dazu neigen, Schuldzuweisungen zu entwickeln und propagierte, scheinbar einfache Lösungen favorisieren, werden leider die Trumps, Bolsonaros, Erdogans, Putins etc. sowie die in unserer Gesellschaft existierenden zu Rücksichtslosigkeit, Vereinfachung, Hass und Gewalt neigende Kräfte an Einfluss gewinnen – das empfinde ich als absolutes Horrorszenario. Noch haben wir eine gewisse Chance, das alles zu verhindern, wenn wir uns auf das Miteinander besinnen.


Im Miteinander liegt die Kraft, das könnten wir nicht zuletzt von den Bäumen lernen!


Billerbeck, im November 2022